Vom Krieg zur Krise: Warum das Ende der Kämpfe erst der Anfang sein könnte

In den ersten Wochen des Iran-Kriegs überwog die Hoffnung, dass US-Präsident Trump auf ein schnelles Ende der Kampfhandlungen drängen würde. Angesichts der erratischen und oft widersprüchlichen Kommunikation aus dem Weißen Haus drängt sich der Verdacht auf, dass man mit einem schnellen Erfolg à la Venezuela gerechnet hatte. Dieser hat sich nun aber nicht eingestellt, im Gegenteil: das Regime im Iran sitzt weiterhin fest im Sattel und weiß sich zu wehren. In den USA wächst der Druck auf den Präsidenten, den Krieg zu beenden. Diesem scheint er sich nun beugen zu wollen: gestern vermeldete Trump auf Truth Social die frohe Botschaft, dass man in Verhandlungen mit dem Iran stehe. Das Regime in Teheran hat dies bislang zurückgewiesen, doch Trump lässt sich nicht beirren, spricht sogar konkret von einem 15-Punkte Plan. Es bleibt abzuwarten, was daraus wird.

 

 

Doch selbst unter der Annahme, dass Trump den Krieg bald für „erfolgreich beendet“ erklärt, ist eine zügige Rückkehr zur Normalität wohl nicht mehr möglich. Innerhalb des Regimes im Iran dürfte der Wunsch nach nuklearen Waffen, als einzig effektivem Mittel der Abschreckung, eher gewachsen sein. Gleichzeitig hat die Machtdemonstration in der Straße vom Hormus eindrucksvoll bewiesen, wie empfindlich der Iran die Weltwirtschaft treffen kann. Dieses Instrument wird das Regime nicht einfach aufgeben, so dass wir nun davon ausgehen müssen, dass der Schiffsverkehr durch das maritime Nadelöhr selbst nach einer Beendigung der Kampfhandlungen durch die USA und Israel nicht mehr vollumfänglich aufgenommen werden kann.

 

In unserem neuen Hauptszenario gehen wir davon aus, dass dies, in Kombination mit den Einschränkungen in der Öl- und Gasförderung, die nach den Angriffen der vergangenen Woche entstanden sind, zu einem anhaltend hohen Energiepreisen führt. Darüber hinaus ist damit zu rechnen, dass auch die Lieferkettenstörungen bei anderen Gütern (u.a. Helium und Düngemittel) sich nicht schnell legen, so dass auch an dieser Front Inflationsgefahren lauern. In der Eurozone rechnen wir nun mit einem kurzfristigen Anstieg der Inflation auf über 3%, die Jahresrate liegt dann bei 2,8% und somit deutlich oberhalb des Ziels der EZB. Ähnlich sieht es in den USA aus: das Land ist zwar ein Netto-Exporteur von Rohöl und Gas, die Preissteigerungen bei diesen (und anderen Gütern) kann es trotzdem nicht umgehen.

 

Für die EZB ergibt sich somit die Notwendigkeit, den Leitzinserhöhungszyklus, der eigentlich erst für Mitte des kommenden Jahres angesetzt war, deutlich früher zu starten: Wir rechnen in diesem Jahr mit Zinserhöhungen im Umfang von 50 Basispunkten. Auch in den USA wird der Druck auf die Fed zunehmen: die ehemals geplanten Zinssenkungen werden im laufenden Jahr nicht mehr möglich sein. Der politische Konflikt mit dem Weißen Haus ist damit vorprogrammiert.

 

An den Finanzmärkten ist zunächst mit anhaltend hoher Volatilität zu rechnen, insbesondere solange nicht klar ist, ob es nun zu einem nachhaltigen Ende der Kampfhandlungen kommt oder nicht. Ist dies der Fall, dürfte zwar zunächst die Erleichterung überwiegen, die wirtschaftlichen Auswirkungen werden jedoch noch geraume Zeit ihre Spuren hinterlassen.

 

-- Sonja Marten