Aktienmarkt: Regimewechsel im neuen Zinsumfeld

Steigende Renditen verändern das Umfeld für die Aktienmärkte. Der Bewertungsrückenwind der vergangenen Jahre lässt nach; entscheidend wird, ob Unternehmen ihre höheren Kapitalkosten erwirtschaften und Kurssteigerungen durch wachsende Gewinne untermauern können.

 

Das Bild zeigt ein Liniendiagramm mit dem Titel "Aktienrisikoprämie hat sich umgekehrt". Abgebildet sind die Entwicklung von drei Kennzahlen von 1990 bis etwa 2025: die Aktienrisikoprämie (in Prozentpunkten), die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen (US-Rendite 10 Jahre) und die Gewinnrendite. Die Aktienrisikoprämie ist als blaue Linie, die US-Rendite als grauer Bereich und die Gewinnrendite als orange Linie dargestellt. Die Grafik zeigt, dass sich das Verhältnis dieser Kennzahlen über die Zeit verändert hat und insbesondere in den letzten Jahren Auffälligkeiten aufweist.

 

Der globale Rentenmarkt prägt derzeit das Umfeld an den Aktienmärkten. Ein struktureller Renditeanstieg verteuert die Finanzierung, dämpft die Konjunktur und verschiebt die relative Attraktivität der Anlageklassen. Staatsanleihen bieten nach Abzug der Inflation wieder eine reale Verzinsung und werden damit zu einer ernstzunehmenden Alternative zu Aktien.

 

Damit verliert ein wichtiger Treiber der Vergangenheit an Kraft. Über viele Jahre stützten niedrige Renditen die Bewertungen, verbesserten die Finanzierungsbedingungen und begünstigten Aktienrückkäufe. Da sich die Unternehmensgewinne auf weniger Aktien verteilten, stieg der Gewinn je Aktie, ohne dass die Unternehmen operativ stärker wachsen mussten.

 

Ein Ende der positiven Aktienmarktentwicklung folgt daraus jedoch nicht zwangsläufig. Langfristig hängt der Anlageerfolg ohnehin von der Ertragskraft der Unternehmen ab. Steigende Renditen sind verkraftbar, sofern die Gewinne ausreichend wachsen. Entscheidend ist daher nicht allein das Zinsniveau, sondern ob Unternehmen ihre gestiegenen Kapitalkosten verdienen können.

 

Die aktuelle Investitionswelle zeigt diese Ambivalenz. Der hohe Kapitalbedarf für künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Infrastruktur, Verteidigung und Energienetze erhöht den Finanzierungsdruck und kann die Renditen am langen Ende der Zinskurve zusätzlich treiben. Zugleich lösen diese Investitionen Aufträge in der Bauwirtschaft, Elektrotechnik, bei Netzbetreibern, Energieerzeugern und Zulieferern. Damit erhält die Gewinnentwicklung eine breitere Basis.

 

Gleichwohl wird die Hürde höher. Wenn zehnjährige US-Staatsanleihen bei rund viereinhalb bis fünf Prozent rentieren und damit eine wichtige Referenzgröße für die Kapitalkosten bilden, bleibt nicht jedes Geschäftsmodell tragfähig, das bei einem Zins von einem Prozent noch funktionierte. Künftige Kurssteigerungen müssen daher vor allem aus wachsenden Gewinnen resultieren und weniger aus einer Ausweitung der Bewertungsmultiples.

 

Für die weitere Entwicklung spricht daher vieles für eine stärkere Differenzierung. Unternehmen mit hoher Ertragskraft, soliden freien Cashflows und Investitionen, deren Rendite über den gestiegenen Finanzierungskosten liegt, bleiben fundamental unterstützt. Schwächere Geschäftsmodelle dürften stärker unter Druck geraten. Der Regimewechsel besteht somit weniger im Ende der Hausse als in der Rückkehr zu einem Umfeld, in dem Gewinne und Kapitalkosten wieder stärker über die Kursentwicklung entscheiden.

 

-- Birgit Henseler