Geopolitische Spannungen lassen Börsen kalt
Die Geopolitik stellt aus Sicht des Finanzmarktes derzeit offenbar kein signifikantes Risiko dar. Zwar können geopolitische Instabilität und Unsicherheit negative Auswirkungen haben, beispielsweise in Form erhöhter Risikoprämien. Momentan ist aber eher das Gegenteil der Fall! Die Aussicht auf staatliche Investitionen in Verteidigung und mehr Unabhängigkeit in wesentlichen Bereichen werden von Aktien-Investoren positiv gesehen. Der Goldpreis profitiert unterdessen von der Nachfrage der Zentralbanken gerade aus Schwellenländern. Als Folge der zunehmenden Blockbildung versuchen diese bereits seit mehreren Jahren, das Gewicht des Edelmetalls in ihren Währungsreserven gegenüber Euro und US-Dollar zu erhöhen. Eine echte Eskalation der schwelenden geopolitischen Spannungen zwischen wichtigen Wirtschaftsregionen, darunter Europa, die USA und China, ist für die Finanzmarktteilnehmer momentan offenbar nur ein Risikoszenario. Folglich rechnet die Mehrheit der Marktteilnehmer auch nicht mit handfesten und umfassenden Sanktionen sowie Handelsbeschränkungen, die zu einer globalen Rezession führen könnten.
Ähnlich verhält es sich mit den Grönland-Fantasien des US-Präsidenten. Zum einen rechnet das Gros der Investoren nicht damit, dass die USA wirklich militärisch gegen einen NATO-Partner vorgehen, gibt es doch andere Optionen, mit denen die strategischen Ziele der USA (darunter eine stärkere Präsenz der US-Streitkräfte auf der Insel) ebenfalls erreicht werden könnten. Fraglich wäre zudem, wie Dänemark und Europa auf eine Annexion Grönlands reagieren würden. Eine offene Konfrontation mit Washington wäre keineswegs in Stein gemeißelt. Schließlich herrscht in den Hauptstädten Europas offenbar weiterhin die Ansicht vor, aufgrund der Bedrohung durch Russland auf die Unterstützung Washingtons angewiesen zu sein. Dies unterstreicht die teils zurückhaltende Reaktion auf die Entführung des venezolanischen Staatschefs Maduro durch die USA.
Als Präzedenzfall für die Reaktion der Finanzmärkte auf eine Annexion Grönlands durch die USA dient Venezuela indes nicht. Schließlich ist das lateinamerikanische Land aus Sicht der Börsen weder geopolitisch noch wirtschaftlich von Bedeutung. Sollte der US-Präsident seine geäußerten Vorstellungen umsetzen, wäre mit einer deutlich erhöhten Verunsicherung an den Finanzmärkten zu rechnen. Zudem sollte die kurzfristige Betrachtung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die derzeitigen geopolitischen Spannungen auch ohne weitere Eskalation durchaus auf länger Sicht Wohlstandsverluste nach sich ziehen können.
-- Sören Hettler und Sonja Marten

