Weltwirtschaft im Umbruch

Die Weltwirtschaft scheint sich derzeit im Umbruch zu befinden. Geowirtschaftliche und strategische Abhängigkeiten werden verringert. Dieser Prozess dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen und für die Eurozone moderate Wachstumsraten sowie eine höhere Inflation bedeuten.
 

Die Risiken für die Weltwirtschaft sind in den kommenden Jahren beträchtlich. So dürfte sich der unlängst begonnene strukturelle Umbau der europäischen Wirtschaft, aber auch der Weltwirtschaft bis auf Weiteres fortsetzen. Dieser Wandel betrifft zum einen die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energieträger und zum anderen den Abbau strategischer Abhängigkeiten, die im Zuge der Globalisierung in den letzten Jahrzehnten entstanden sind.

 

Moderates Wachstum und höhere Inflation

 

Seit der Pandemie, den Lieferkettenproblemen, dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine sowie der Blockbildung zwischen „westlicher Welt“ und „nicht-westlicher Welt“ scheint die Weltwirtschaft in eine Phase des Umbruchs eingetreten zu sein. Handelsströme werden neu kalibriert (Deglobalisierung und Nearshoring) und die Beziehungen zwischen den Staaten neu geordnet (Blockbildung). Diese Entwicklung könnte weitreichende Auswirkungen auf die wirtschaftliche und technologische Entwicklung der Industrieländer haben. Die Fokussierung auf nationale Interessen dürfte das Wirtschaftswachstum bremsen und zu steigenden Kosten und damit zu höheren Inflationsraten führen. Insbesondere die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft könnte in den kommenden Jahren weitreichende Konsequenzen für die Konjunktur und die Inflationsentwicklung haben.

 

Der aus sicherheitsstrategischen und energiepolitischen Gründen notwendige Umbau der europäischen Wirtschaft wird unseres Erachtens nur langsam voranschreiten. Vor diesem Hintergrund dürften die Wachstumsraten im Euroraum und in Deutschland in den kommenden Jahren eher moderat ausfallen. Die Inflationsraten sollten aufgrund höherer Kosten für Unternehmen leicht über der 2%-Marke der EZB liegen. Etwas besser schneiden die USA in der geoökonomischen und -politischen Neuordnung ab, da die strategischen Unabhängigkeitsbestrebungen früher und zum Teil auch schneller eingeleitet wurden. Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die Wachstumsraten in den USA in den kommenden Jahren zum Teil deutlich über denen der Eurozone liegen werden. Allerdings dürften auch die Inflationsraten auf absehbare Zeit über der Zielmarke der US-Notenbank verharren, da die Effizienzsteigerungen und Kostenvorteile der vergangenen Jahre nachlassen dürften.

 

-- Birgit Henseler


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