Deutsche Gasspeicher auf Tiefstand: Der Markt regelt (nicht)

Kurz vor Beginn der Heizsaison sind die deutschen Gasspeicher nur etwa zur Hälfte gefüllt. Globale LNG-Engpässe und fehlende wirtschaftliche Anreize bremsten die Befüllung. Ohne rasches Gegensteuern drohen bei einem kalten Winter drastische Preissprünge.
 

Das Bild zeigt zwei Grafiken zur Gasversorgung in Deutschland und Europa. Die linke Grafik stellt die Gasspeicherstände in Deutschland in Prozent für die Jahre 2023, 2024, 2025 und Vergleichswert 2017/21 dar. Es ist zu erkennen, dass die Speicherstände im Jahresverlauf variieren und im Jahr 2024 einen historischen Tiefstand erreichen. Die rechte Grafik zeigt die Entwicklung der Preise für LNG (Flüssigerdgas) in Europa und Asien (in USD/MMBtu) sowie den Preis für TTF-Gas in Europa (in EUR/MWh) von 2023 bis Mitte 2024. Dabei ist ein deutlicher Preisanstieg insbesondere im Sommer zu sehen, was die wirtschaftlich schwierige Lage der Gasspeicherung verdeutlicht.


Gut einen Monat vor Beginn der Heizperiode zeigt sich bei den deutschen Gasspeichern ein ernüchterndes Bild. Mit einem Füllstand von lediglich rund 50% verharren die Bestände auf einem historischen Tiefstand – üblich wären zu dieser Jahreszeit 85% bis 95%. Das gesetzliche Füllstandsziel von mindestens 80% zum 1. November rückt damit in weite Ferne.

 

Die Ursachen dafür reichen bis ins Frühjahr zurück. Ein kalter Spätwinter hatte die Speicher überdurchschnittlich stark geleert, sodass Deutschland bereits mit niedrigen Beständen in die Speichersaison startete. Die nötige Aufholjagd im Sommer wurde dann durch geopolitische Konflikte und die Blockade der Straße von Hormus jäh unterbrochen. Da über diese Seeroute üblicherweise rund 20% des weltweiten Flüssiggashandels (LNG) laufen, ist ein scharfer Bieterwettbewerb um die verbleibenden US-Frachten entbrannt, den sich asiatische Käufer gegen hohe Preisprämien sichern konnten. Europa erhielt folglich zu wenig Flüssiggas für eine ausreichende Einspeicherung.

 

Hinzu kam eine Marktverzerrung an den Terminmärkten, die marktwirtschaftliche Fehlanreize setzte: Die Kontrakte für den Winter notieren am europäischen Referenzmarkt TTF unter den aktuellen Kassapreisen, was für die Unternehmen bei der Einspeicherung voraussichtlich Verluste zur Folge hätte. Zudem spekulieren viele Marktakteure auf staatliche Notfallinterventionen, falls gesetzliche Zielverfehlungen drohen.

 

Anstatt diese Marktverzerrung anzugehen, vertraut das Bundeswirtschaftsministerium weiterhin auf die hohe Liquidität des heimischen LNG-Marktes. Dieser Ansatz greift jedoch zu kurz, deckt LNG doch gerade einmal rund 16% der deutschen Gasimporte ab. 90% davon stammen aus den USA, was ein geopolitisches Klumpenrisiko darstellt. Darüber hinaus können LNG-Terminals winterliche Verbrauchsspitzen von bis zu 4 Terawattstunden pro Tag technisch nicht im selben Maß abfedern wie flexible Untertagespeicher. Um die Einspeicherung kurzfristig abzusichern, sind Unterstützungsmaßnahmen wie Differenzverträge, Speicherrabatte auf Transportentgelte oder staatlich garantierte Gasvorhalteprämien nötig.

 

In der Gesamtschau präsentiert sich die Ausgangslage vor dem Winter 2026/27 als strukturell hochgradig fragil. Zwar kann Deutschland die Heizperiode bei milder Witterung und stabilen Pipelineflüssen ohne physische Engpässe bewältigen. Fällt der Winter jedoch überdurchschnittlich kalt aus, treffen unzureichend gefüllte Speicher auf ein global verknapptes Angebot. Industrie und Energieversorgern drohen dann erhebliche Preissprünge, hohe Börsenvolatilität und im Extremfall sogar punktuelle Versorgungsabschaltungen.

 

-- Linda Yu