Rohöl und der Irankrieg – planlos geht der Plan los

Nach gut zehn Tagen militärischer Auseinandersetzung zwischen den USA, Israel und Iran ist der Rohölpreis so orientierungslos wie lange nicht. Kein Wunder, droht doch ein Flächenbrand in der Region, während Äußerungen aus dem Weißen Haus teils widersprüchlich ausfallen. Jüngste Aussagen des US-Präsidenten haben Hoffnungen auf ein Kriegsende genährt. Nichtsdestotrotz bleiben Ölpreise über 100 US-Dollar ein Risiko.

 

Das Bild stellt ein Diagramm dar, das die Differenz zwischen Tageshöchst- und -tiefstpreis in US-Dollar je Barrel (Sorte Brent) von 1988 bis 2025 zeigt. Es illustriert, dass der Rohölpreis nicht nur erhöht, sondern auch sehr dynamisch in beide Richtungen ist.

 

Die militärische Eskalation in Nahost wirkt sich erheblich auf die Finanzmärkte aus, insbesondere auf den Rohölpreis. Dieser hatte sich zeitweise gegenüber dem Jahresausgangsniveau verdop­pelt und erreichte am Montag mit 120 US-Dollar je Barrel den höchsten Stand seit Mitte 2022. Die hohe Dynamik zeigte sich in einer Tagesspanne von rund 38 US-Dollar, was selbst die größte Spanne während der Anfangsphase des Ukraine-Krieges (26 US-Dollar) übertraf. Aktuell hat sich die Lage wieder etwas beruhigt und der Rohölpreis pendelt um die Marke von 90 US-Dollar je Barrel.

 

Das Wechselspiel aus Hoffnung und Verunsicherung der Marktteilnehmer resultiert nicht nur aus den akuten Kampf­handlungen, die sich auf Anrainerstaaten und deren Ölproduktion ausgeweitet haben, sondern auch aus widersprüchlichen Äußerungen der US-Regierung. Ende letzter Woche forderte US-Präsident Trump die „bedingungslose Kapitulation“ Irans. US-Kriegsminister Hegseth trat wenig später mit den Worten in Erscheinung, man befinde sich „gerade einmal am Anfang“ des Krieges. Marktseitig wurden die Äußerungen als Signal für einen langanhaltenden Konflikt interpretiert, insbesondere nach der Ernennung des Hardliners Mojtaba Khamenei als Nachfolger seines Vaters. Am Montagabend sprach der US-Präsident wiederum davon, dass das US-Militär dem Zeitplan weit voraus und die Kriegsziele weitgehend erreicht seien. Neue Verwirrung gab es am Dienstagabend aufgrund einer Mitteilung vonseiten des Energieministeriums, wonach die US-Marine einen Tanker durch die Straße von Hormus eskortiert habe. Diese wurde kurze Zeit später widerrufen.

 

Straße von Hormus bleibt Nadelöhr der globalen Energieversorgung

Abgesehen von den Äußerungen der Kriegsparteien dürfte der Fokus der Marktteilnehmer weiterhin auf den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus gerichtet bleiben. Eine Kompensation der ausfallenden Rohöl- und LNG-Lieferungen durch Pipelines oder die Ausweitung der Produktion außerhalb der Golfregion ist nur begrenzt möglich. Reserven der Abnehmerländer könnten Ausfälle nur für Wochen oder wenige Monate über­brücken. Ohne eine Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs würde das Preisniveau für Rohöl und Gas erhöht bleiben. Als Faustregel gilt, dass eine 1%ige Angebotsverringerung den Ölpreis um 4% erhöht. Eine anhaltende Schließung der Straße von Hormus könnte den Rohölpreis demnach um rund 80% in die Höhe treiben. Ausgehend von den rund 60 US-Dollar vor Ausbruch der Krise würde dies ein Preisniveau von etwa 110 US-Dollar bedeuten – begleitet von deutlich höheren Preisspitzen und dauerhaft erhöhter Volatilität.

 

Das Szenario einer Eskalationsspirale mit nachhaltig höheren Rohölpreisen ist zwar nicht auszuschließen. Zugleich unterstreichen die jüngsten Äußerungen des US-Präsidenten allerdings, dass er kein Interesse an den damit einherge­henden Folgen hat, darunter der höhere Öl- und Benzinpreis sowie ein stärkerer US-Dollar. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der im Herbst anstehenden Kongresswahlen (Mid-Term Elections). Daher rechnen wir in unserem Hauptszena­rio weiterhin damit, dass der Konflikt auf absehbare Zeit an Schärfe verliert und sich der Rohölpreis auf Sicht von drei Monaten wieder um die Marke von 65 US-Dollar einpendeln wird.

 

-- Christoph Müller