Euro fällt unter Parität: (Noch) kein Ende in Sicht

Als EUR-USD im Juli einen ersten Anlauf auf die Parität machte, erschien uns das Risiko einer deutlicheren und vor allem nachhaltigeren Abwertung unter 1,00 USD vergleichsweise gering. Die Kassabewegungen der vergangenen Tage zeichnen jedoch dieses Mal ein anderes Bild. Im Gegensatz zu Juli gab es kein zögerliches Verhalten knapp über der Parität, keine Anzeichen dafür, dass der Euro echten Widerstand würde leisten können. Wie weit wird der Euro fallen und wie wird die EZB mit dieser Situation umgehen?

 

Die jüngste Abwertung des Euro ist fraglos auf die deutliche Verschlechterung der Nachrichtenlage zurückzuführen. Die erneuten Wartungsarbeiten an Nordstream und die extreme Trockenheit, die ein Problem sowohl für die Schifffahrt auf dem Rhein als auch den Betrieb der Atomkraftwerke in Frankreich darstellt, haben zu einem erneuten dramatischen Anstieg der Gas- und Strompreise geführt. Inflations- und Rezessionssorgen haben zugenommen.

 

Der Euro hat dem Dollar in dieser Gemengelage nicht viel entgegenzusetzen, denn die aktuellen Risiken belasten die Eurozone ungleich mehr als die USA. Dort wiederum scheint sich das Bild zuletzt eher aufgehellt zu haben – zumindest aus Sicht des Marktes. Rezessionssorgen sind angesichts der soliden Entwicklung des US-Arbeitsmarkts erneut in den Hintergrund getreten, während sich Erwartungen, dass die Fed womöglich schon im Frühjahr 2023 mit Zinssenkungen gegensteuern wird, zuletzt verflüchtigt haben. Dass der Euro angesichts der aktuellen Nachrichtenlage an Wert verliert, ist sicherlich nachvollziehbar – um nicht zu sagen, fundamental absolut gerechtfertigt.

 

Wie wir aber bereits im Juli hervorgehoben hatten, ist die Schwäche des Euros jedoch aus fundamentaler Sicht eher Fluch als Segen und auch für die EZB ein Problem (Stichwort importierte Inflation). Bislang hat sich die EZB nicht zur Entwicklung des Euro geäußert, sollte der Euro jedoch weiter fallen, und vor allem schnell fallen, dürfte der EZB kaum etwas anderes übrigbleiben als aktiv zu werden. Im ersten Schritt wird die EZB hierbei sicherlich auf verbale Interventionen setzen. Ob und wann sich die EZB zur Entwicklung des Wechselkurses äußert, hängt vom Kursverlauf ab. Sollte der Euro jedoch weiter in dem Tempo der vergangenen Tage abwerten, wird die EZB u.E. nach nicht mehr lange warten (können). Schweigt sie zu lange, könnte dies im schlimmsten Fall sogar zu einer Beschleunigung der Abwertungsdynamik führen. Gelingt trotz verbaler Intervention keine Stabilisierung des Wechselkurses, müsste die EZB intervenieren. Sicherlich ist dies nicht ihr favorisiertes Instrument, sie hat jedoch bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass sie vor Interventionen nicht zurückschreckt. Und in einer Situation, in der eine dynamische Abwertung des Euro die ohnehin schon angeschlagene Preisstabilität in der Eurozone in ernsthafte Gefahr bringt, wäre eine Intervention nicht schwer zu rechtfertigen. 

 

-- Sonja Marten


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