Krieg in der Ukraine – wirtschaftliche Folgen noch kaum absehbar

Der großangelegte russische Angriff auf die Ukraine ist eine Zäsur für die politische Ordnung in Europa und bringt für die Menschen im Land unermessliches Leid. Die wirtschaftlichen Folgen sind noch kaum absehbar. Die westlichen Länder beraten über weitere und schwere Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die wohl in den nächsten Tagen verhängt werden.

 

In einer ersten Reaktion ist der Ölpreis über die 100-Dollar-Marke angestiegen, die Aktienmärkte sind weltweit eingebrochen. Anleger flüchten in sichere Häfen wie Bundesanleihen, deren Rendite deutlich nachgegeben hat. Die Entwicklung in den nächsten Tagen und Wochen wird davon abhängen, welchen Verlauf der Krieg in der Ukraine nimmt und wie die unmittelbaren Auswirkungen der Sanktionen sein werden. Zu rechnen ist mit weiteren Finanzsanktionen gegen russische Banken, den russischen Staat sowie einzelne Individuen. Daneben dürften die Beschränkungen des Handels mit Russland ausgeweitet werden, vor allem der Export von High-Tech-Gütern dürfte komplett untersagt werden.

 

Sanktionen gegen Russland sind kein neues Phänomen. Sie existieren seit 2014 und haben bereits dazu geführt, dass die Handelsverflechtungen zwischen Russland und Deutschland merklich zurückgegangen sind. Seitdem ist das deutsche Exportvolumen nach Russland von 38 Milliarden Euro auf knapp 27 Milliarden Euro geschrumpft, Russland rangiert auf der Liste der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands nur noch auf Platz 14 hinter Ungarn. Bei den Importen liegt das Land auf Rang 12. Rund 60 Prozent der gesamten Einfuhren aus Russland machen dabei Öl und Gas aus.

 

Europa und besonders Deutschland sind hochgradig abhängig von Energielieferungen aus Russland. Deutschland muss kurzfristig seine Lieferbeziehungen diversifizieren, um diese Abhängigkeiten weiter zu reduzieren. Etwa die Hälfe der deutschen Gasimporte stammt aus Russland. Wir müssen zeitnah dafür Sorge tragen, dass ein höherer Anteil der Energie aus Wasserstoff oder Erneuerbaren Energien gewonnen wird.

 

Der Anstieg der Rohstoffpreise und die Sanktionen werden die Wirtschaft auch in Deutschland belasten. Die Inflationsrate wird wohl zumindest kurzfristig noch weiter ansteigen, vor allem über eine weiter steigende Energierechnung für die Verbraucher. Das schwächt deren Kaufkraft und tendenziell die Nachfrage von Haushalten nach anderen Gütern und erhöht auch die Kosten für die Unternehmen.

-- Dr. Michael Holstein


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