Türkei: Politik erklärt Inflation zum Tabu, trotzdem leidet die Konjunktur

Die Inflation in der Türkei liegt nach offiziellen Angaben inzwischen bei 70%. Expertenschätzungen gehen sogar von einem noch deutlich höheren Wert aus. Das Konsumklima fiel zuletzt auf ein Rekordtief.

 


Für April meldet das türkische Statistikamt Turkstat eine Inflationsrate von 69,97%, damit ist das Schreckgespenst „Inflation“ im Vergleich zum Vormonat noch größer geworden. Als wäre dies noch nicht beunruhigend genug, weisen inoffizielle Expertenschätzungen für den durchschnittlichen Warenkorb der Verbraucher eine Preissteigerung aus, die fast doppelt so hoch ist. Die Berichterstattung über diese inoffiziellen Inflationszahlen wurde jüngst in der Türkei verboten. Schon vor dieser gesetzlichen Maßnahme waren die Zweifel an den veröffentlichten Zahlen von Turkstat groß. Dies liegt nicht nur daran, dass die Verbraucher unmittelbar beim Einkaufen den schnellen Schwund ihres Geldes im Portemonnaie spüren. Sondern beispielsweise auch daran, dass zu Jahresbeginn die Führungsspitze der Statistikbehörde ausgetauscht und auch die Erfassungsmethode geändert wurde.

So oder so, der Anstieg der Verbraucherpreise und der damit einhergehende Verlust beim realen Einkommen der Haushalte lastet in diesem Jahr schwer auf der Konsumdynamik. Nach der monatlichen Konsumentenbefragung von genau dergleichen Behörde trübte sich die Verbraucherstimmung im April deutlich ein und sank auf ein neues Rekordtief. Sicher hinterließ auch die Unsicherheit durch den Ukraine-Krieg ihre Spuren. Aber im Wesentlichen ist die exorbitant hohe Inflation in dem rund 85 Millionen Einwohner zählenden Land die Folge des Werteverfalls der türkischen Lira in den Jahren 2020 und 2021.

Das weltweite Preisplus bei Energie- und Rohstoffkosten
in den letzten Monaten kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt quasi noch „on top“ dazu. Ungünstig aus mehreren Gründen: Erstens, weil die Inflation schon zuvor deutlich angezogen hatte und zweitens, weil spätestens in einem Jahr Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sind. Darüber hinaus hat die Inflation wohl noch immer nicht ihren Höhepunkt durchschritten. Erst in der zweiten Jahreshälfte dürften sich die Raten deutlich zurückbilden, im Durchschnitt ist 2022 deshalb mit einer Inflation von rund 60% zu rechnen. Auch im Wahljahr 2023 wird der Preisanstieg wohl noch bei stattlichen 25% liegen. Dafür sorgt neben den anderen bereits genannten Kostenfaktoren, die „nach und nach“ an die Konsumenten weitergereicht werden, auch eine kräftige Erhöhung der Mindestlöhne, die vor wenigen Monaten in Kraft getreten ist.
 


-- Dr. Christine Schäfer

 

 

 


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